Sonntag, 6. April 2008

24 h Möchsleben

24 Stunden lang lebten Matthias, Peter und ich wie buddhistische Mönche in einem Tempel auf der Insel Gangwha. Nachdem wir irgendwie den richtigen Bus gefunden hatten und anschließend auf ein Taxi umgestiegen waren, fanden wir unsere Wochenendresidenz. Die Landschaft hatten wir uns malerischer vorgestellt, die Unterkunft im Jugendherbergsstil lag zwischen Reisfeldern und dem üblichen „Landschrott“ (Ölfässer, Plastiktüten und alte Landwirtschaftsfahrzeuge). Aber das Tempelchen auf dem Grundstück war sehr nett (allerdings erbaut im Jahre 1995 für Touristen…). Mit uns kamen weitere fünf Amerikaner, die sehr nett und aufgeschlossen waren (vier Lehrer und ein Militärmann). Wir erhielten graue Mönchskutten, die wir sogleich anzogen – ein wenig kratzig, sehr weit, sehr grau, aber auch bequem. Als erstes ging es zur Kartoffelaussaat, immer mit den Augen nach oben in die Erdhügel drücken und ein wenig Erde darauf – fertig. Dann erhielten wir eine Einführung zur Geschichte des jungen Tempels, der seit der Fußball WM als Touristenattraktion dient und ein Werbefilm über den koreanischen Buddhismus wurde uns gezeigt. Nach dem Abendessen, natürlich vegetarisch, nahmen wir an der Abendzeremonie im Tempel teil. Zunächst wurden die Schuhe ausgezogen, um auf den Teppichboden im Tempel zu treten und am Eingang den Buddha zu begrüßen. Das braune, längliche Sitzkissen wurde zurechtlegen und die dreifache Begrüßungs-Verbeugung Richtung „Altar“ gemacht. Der Rhythmus des Sing-Sangs wurde von einer traditionellen Holzglocke und vielen Verbeugungen begleiten. Der farbenfrohe, reich verzierte Tempel war durch viele, viele Lampions an der Decke beleuchtet und der golden glänzende Buddha und viele seiner weitern Gesichter in Holz schauten uns zu. Es roch nach Weihrauch und war ein bisschen kühl in dem unbeheizten Holztempelchen.
Der Abend endete mit einem Meditationsunterricht. Im Buddhismus möchte man sich von den Wünschen, die unser Menschleben normalerweise bestimmt, völlig loslösen. Ein Buddhist sollte nicht mehr zwischen gut und böse unterscheiden, er ist auf der Suche nach der einzigen Wahrheit. Durch Meditation und Leiden soll dieser Zustand erreicht werden. 20 Minuten saßen wir im halben Lotussitz auf unseren Kissen, mit dem Gesicht zur Wand, die Augen halb geschlossen und versuchten uns ausschließlich auf den Atem zu konzentrieren. Keine anderen Gedanken und keine Bewegung, nur Ein- und Ausatmen. Gar nicht so einfach für mich, wie ihr euch vorstellen könnt. Aber: es war wirklich eine gute Erfahrung, vielleicht versuche ich im Alltag diese Ruhe zwischendurch mal wieder für mich selbst zu finden…
Nach eineigen Tees im Aufenthaltsraum mit den Amis gingen wir zu Bett. Es war 9:30 pm und ich legte mich mit meiner Decke auf beheizten Fußboden und schlief bis 3:30 am. Aufstehen! Ja, so früh! Einer der Amis meinte:“ Good Morning! There was a monk in my room!“ Er hatte sich den Raum mit einem echten Maler-Zen-Mönch gteilt, der meinte er könnte besser malen als Picasso, da dieser nie während einer Erleuchtung gepinselt hätte…

Um 4:00 am hatten wir unsere Morgenzeremonie auszuführen. Im kalten Tempel sitzend (ich hatte mehrere T-Shirt Lagen unter der grauen Kutte an) ließen wir uns von einem Mantra einlullen. Ein Sprechgesang eines Satzes, der ewig wiederholt wird und dazu natürlich das Geklöppel auf der Holzglocke. Anschließend durften wir wiederum 30 Minuten meditieren, was morgens um halb fünf einfacher ist als ich dachte, man muss lediglich aufpassen nicht einzuschlafen – aber deshalb presst man seine zwei Daumen gegeneinander. Bis sechs Uhr in der früh durften wir wieder in unsere Unterkunft – ich trank zwei Kaffees um das Programm weiterhin durchzuhalten – dann gab es Frühstück. Milchreis mit Gemüse und Kimchi natürlich.Der Vormittag begann mit einem Spaziergang durch den anliegenden Wald und das Feld – mit all den verlotterten Blechhütten. Der Spaziergang weilte allerdings nur eine knappes Stündchen, ich wäre gerne länger im Morgengrauen gelaufen…
Ein weiterer Programmpunkt am Vormittag war die Teestunden beim Hauptbuddha (dem Chef von „die Ganzen“), der freundlich, grinsend vor seinem Teetischchen hockte, uns nach Herkunft und Studium fragte, während er mit seiner Fernbedienung sphärisch, traditionelle koreanische Musik von seinem CD-Spieler laufen lies und aus einem Wasserkochautomat (bei dem man eine bestimmte Temperatur voreinstellen kann) das Teewasser abzapfte. Anschließend gab es eine kleine Kalligraphie Stunde, wobei wir lediglich einen Pinsel, Tinte, dünnes Papier und eine Schriftrolle bekamen, die wir dann durchpausten…
Vor dem Mittagessen nahmen wir an der Mittagszeremonie teil, die 108 Verbeugungen (und damit meine ich mit Kopf und Händen auf dem Boden) einschloss, inklusive den üblichen. Auf dem Altar waren Obst und Gemüse angerichtet und die Fenster des Tempels standen weit offen, so dass die Sonne den Innenraum durchflutete und unseren Rücken wärmte.
Zum Abschluss gab es Mittagessen und gegen ein Uhr waren wir alle froh wieder in unseren Alltagsklamotten zu stecken. Also ein buddhistischer Mönch will ich wirklich nicht werden, es gibt zu viele Schöne Dinge außerhalb zu erleben. Auch wenn der Ort sehr viel Frieden und Ruhe ausstrahlte, ich bin mit meinen Zielen und Wünschen sehr glücklich, vor allem wenn ich sie erreiche.

Bevor wir nach Hause fuhren, besuchten wir drei eine große und sehr schöne Tempelanlage nur 20 Minuten von unserer Wirkungsstätte entfernt… allerdings konnte man da die Tempel vor lauter Touristen kaum erkennen. Jetzt sind wir wieder wohlbehalten in Seoul angekommen und ich bin sehr erschöpft.

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